Warum das Aussitzen bei Liquiditätsrisiken zum Mythos geworden ist – Einblicke aus der Praxis
„Warum sollte ich verkaufen, wenn es gerade keiner tut? Im letzten Abschwung habe ich auch einfach abgewartet.“ Solche Sätze höre ich oft. Doch diese Haltung, geprägt von der Hoffnung, dass alles beim Alten bleibt, verkennt die Dynamik illiquider Märkte. Die verbreitete Annahme, man könne Verluste einfach aussitzen, ist eine dieser bequemen Geschichten, an die wir uns klammern, solange sie funktioniert – bis sie es eben nicht mehr tut. Ich erinnere mich an einen Mandanten, der sich auf diese Weise in der Krise 2020 durch schwierige Wochen laviert hat. Sein Kalkül: „Wenn ich nichts tue, verliere ich auch nichts.“ Doch was, wenn der Markt plötzlich für Tage praktisch zum Stillstand kommt und kein Käufer mehr zu finden ist? Dann hilft Geduld allein nicht weiter. In illiquiden Phasen können sich Preise in wenigen Minuten massiv verändern, und Verkaufswünsche werden schlichtweg nicht mehr bedient. Die Vorstellung, dass Ruhe und Abwarten immer zu besseren Ergebnissen führen, entlarvt sich dann als Illusion.
Lassen Sie mich ein Bild zeichnen: Während eines Marktschocks nimmt die Zahl der Handelsteilnehmer ab, und selbst große Werte finden keinen Abnehmer. Was bleibt, ist Unsicherheit und der Zwang, Entscheidungen mit unvollständigen Informationen zu treffen. Ich habe mehrfach erlebt, dass die besten Pläne im Eifer des Gefechts schnell an ihre Grenzen stoßen. Wer etwa Liquidität nur als abstrakten Begriff betrachtet, versteht oft nicht, wie rasch sie zur zentralen Größe wird. In einer konkreten Krisensituation musste ein befreundeter Kollege feststellen, dass das vermeintlich sichere Polster plötzlich nicht mehr verfügbar war – der Markt für einen Verkauf schlicht eingefroren. Solche Erfahrungen prägen. Sie zeigen, dass Standardannahmen – „Liquidität ist immer verfügbar, wenn ich sie brauche“ – oft nur unter normalen Bedingungen gelten. Die Realität während Marktschocks ist eine andere: Liquidität ist dann ein rares Gut, das man nicht einfach nach Belieben abrufen kann.
Wer sich auf Mythen verlässt, erlebt böse Überraschungen. Ich begegne immer wieder Anlegern, die glauben, im Ernstfall einfach ruhig bleiben zu müssen. Doch Ruhe ersetzt keine Strategie, wenn Liquidität fehlt. Wichtiger als Gelassenheit ist es, die eigenen Positionen regelmäßig zu überprüfen und zu überlegen, wie man auf Marktverwerfungen reagieren möchte. Es hilft, sich ehrlich mit der Frage auseinanderzusetzen: „Kann ich auch dann noch handeln, wenn viele andere es nicht mehr können?“ Die Erfahrung zeigt, dass frühzeitige Vorbereitung – etwa klare Zielsetzungen für den Umgang mit illiquiden Situationen oder feste Entscheidungswege – deutlich mehr bewirkt als reines Abwarten. Am Ende zählt, dass man sich bewusst macht: Marktdynamik ist wandelbar, und Liquiditätsrisiken lassen sich nicht aussitzen. Wer das erkennt, kann auch in turbulenten Zeiten sachlich bleiben – ohne sich von gängigen Mythen täuschen zu lassen.