Warum Routinen und Selbstbeherrschung in Marktkrisen schnell ins Wanken geraten – Reflexionen aus der Praxis
„Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen.“ Diesen Satz höre ich besonders oft, wenn Märkte stabil wirken. In Wahrheit hat kaum jemand die eigene Reaktion in Stressmomenten wirklich erprobt – und genau dort lauert das Risiko. Ich erinnere mich an eine Situation im Jahr 2022, als ein Kunde überzeugt war, eine Marktpanik gelassen wegstecken zu können. Als die Kurse jedoch sprunghaft sanken und Ausstiegsoptionen plötzlich fehlten, wich die Zuversicht rasch einer Mischung aus Unsicherheit und Aktionismus. Hier zeigt sich ein Muster: In ruhigen Zeiten überschätzen viele ihre eigene Standfestigkeit. Erst im Ausnahmefall merkt man, dass emotionale Impulse Routinen schnell aushebeln können. Die große Gefahr in illiquiden Phasen ist nicht nur der plötzliche Wertverlust, sondern die Tendenz, in Unsicherheit reflexhaft zu handeln oder – im Gegenteil – in Schockstarre zu verfallen. Beide Extreme verhindern meist kluge Entscheidungen.
Es ist ein Irrtum, zu glauben, dass Routinen allein vor Fehltritten schützen. Immer wieder habe ich miterlebt, wie langjährig bewährte Abläufe im Ernstfall ausgehebelt wurden. Ein Mandant, der für jede Lage eigentlich einen Plan parat hatte, fand sich während einer Marktkorrektur plötzlich in einem Geflecht aus widersprüchlichen Emotionen wieder. Statt besonnen zu reagieren, wurden Pläne spontan über Bord geworfen – aus Angst, eine vermeintlich einmalige Chance zu verpassen oder noch Schlimmeres zu erleben. Dieses Verhalten ist nicht ungewöhnlich: Je stärker der Stress, desto eher dominiert das Bauchgefühl über die nüchterne Analyse. Wer sich nicht bewusst mit solchen Mechanismen auseinandersetzt, wird von ihnen überrollt, sobald es darauf ankommt. Mir ist wichtig: Die beste Vorbereitung ist oft die ehrliche Reflexion eigener Schwächen und nicht das blinde Vertrauen in erlernte Routinen.
Die Praxis zeigt: Gelassenheit im Umgang mit Marktschocks lässt sich nicht vorspielen. Sie wächst aus der Erfahrung, mit eigenen Fehlern umzugehen und daraus zu lernen. Ich rate dazu, Stressszenarien regelmäßig durchzuspielen und sich mit anderen über die eigenen Verhaltensmuster auszutauschen. Auch die kritischste Analyse ersetzt nicht das offene Gespräch darüber, wie man tatsächlich reagiert hat – nicht wie man es gerne gehabt hätte. Wer erkennt, dass Selbstüberschätzung ebenso gefährlich sein kann wie Panik, kommt besser durch turbulente Phasen. Am Ende zählt nicht, niemals Fehler zu machen, sondern ehrlich damit umzugehen und das eigene Handeln bewusst zu hinterfragen. Das ist anspruchsvoller als jede Faustregel – aber nachhaltiger.